plus rien
новым, неприемлемым для страны способом
Кэти Трэнд (Сборник "78")



Der Herr der Krokodile


Am Ufer war jemand.
Wie schade.

Ich gehe immer ans Ufer – um meinen Geschwister nicht unter die Augen zu kommen, um von meiner Mutter nicht gesehen zu werden - natürlich wird sie mich zwingen, etwas zu tun, es ist doch nicht normal, wenn ein zehnjäriges Mädchen nur rumrennt oder wie versteinert sitzt. Man könnte ja schliesslich von ihm verlangen, die Wiege des Kleinen zu schaukeln, oder der Mutter zu helfen, den fließenden Garn aufzuspulen, oder das Geschirr abzuwaschen, oder... Man weiß ja nie. Man findet immer etwas.
Aber in einer Familie mit vierzehn Kindern kann man sich leicht verlieren lassen.

Und jetzt ans Ufer.

Aber am Ufer ist schon jemand. Angeblich meines Alters, nur nicht klar, ob ein Junge oder ein Mädchen. Sein Hemd ist lang und bunt. Die guten farbigen Fäden sind eigentlich nicht für die Hemden. Die sind für die Teppiche gedacht, mit denen man den Boden bedeckt. Fürs Pferdegeschirr auch. Vielleicht noch für die Stickerei an der Kleidung des Naschichen - meines Vaters, also. Aber die Kinder kriegen keine bunten Hemden, ich weiß es doch am besten. Wenn nicht mal die Tochter eines Naschichen ein farbiges Kleid hat, wo sollen es die Anderen bekommen? Grün und rot, gelb, so grell - fast scheint der Himmel über dem Fluss gelb zu werden.

- Wer bist du, ein Junge oder ein Mädchen? – frage ich direkt.

- Ich? – Es denkt eine Weile nach, und es sieht aus, als gar nicht über meine Frage. – Ich? Ein Junge.

- Und wie nennt man dich?

- Nenn mich, wie du willst.

- Es ist unhöflich, - sage ich. – Ich, zum Beispiel, heiße Chavi. Mein Vater ist Naschich. Und wo kommst du denn her?

- Ich bin von der anderen Seite. Ist doch egal, - Er sieht mich mit seinen tiefblauen Augen an. – Schau mal hin.

Er zeigt auf das Wasser. Die goldenen Zappellichter jagen einander auf dem Wasserspiegel. Oh, nein, es sind doch keine Lichter, vor meinen Augen flimmern kleine Goldkäfer. Sie gleiten über das Wasser und spielen mit den Zappellichtern.

Ich habe noch nie jemanden gesehen, der Wasserflöhe beobachtet. Was für ein Quatsch.

- Du bist ja dumm, - sage ich und ziehe den Kopf in die Schultern ein, denn jeder Junge wird für so was draufhauen. Aber dieser denkt nicht mal daran.

- Ja, bin ich, - antwortet er ruhig und betrachtet weiter die Käfer.

Auf unserer Seite des Flusses haben wir einen schmalen Streifen niedriger und dicker, mit üppigen Winden umflochtener Bäume. Weiter entfernt liegt die Stadt, und noch weiter - eine hügelige Wüste. Und auf der anderen Seite des Flusses war keiner von uns, weil es im Fluss Krokodile gibt. Aber schon von hier aus ist es sichtbar – einige Grünflächen, Bäume und Sträucher - eine ferne Schönheit, die nicht zu erreichen ist. Auf unserer Seite haben wir nur Hirsefelder, einen Olivenhain und wenige Bäume am Ufer. Es ist nicht erlaubt, sie zu hacken; mein Vater erzählte mir, daß mit einem Baumstamm der Fluss zu überqueren ist. Man könnte ja versuchen. Die Olivenbäume darf man nicht hauen, und die am Ufer halten auch noch den Strom auf.

Der kleine Dümmling blieb bei uns. Nun, nicht direkt bei uns im Haus, sondern in unserer Stadt.
Es wäre schade, ihn hinter den Stadtmauern zu lassen. Draußen gibt es Staubstürme, und er ist noch ein Kind, auch wenn er etwas dumm ist. Und schön ist er auch. Nicht umsonst habe ich ihn für ein Mädchen gehalten: flauschiges Haar hat er und lange Wimpern. Aber seinen Namen hat er niemandem verraten.
Wir nannten ihn Schota – ein Dummer, was er auch ist.
Die Älteren haben ihm beigebracht, wie man die Schafe auf den flachen kahlen Hügeln weidet.
Morgens früh sollte er bloß die Schafe hinter die Stadtmauern treiben, und bei der Abenddämmerung sollten sie zurück sein. Das tut er auch normalerweise ganz brav – bringt die Schafe raus und spielt monoton auf seiner hölzernen Pfeife. Oder er sitzt einfach auf einem Hügel.

Unsere Jungs haben ihn nicht gut aufgenommen. Eingentlich auch nicht schlecht – den Fremden geht es halt immer so. Zuerst warfen sie einfach nur Steine nach ihm, dann lauerten sie ihm hinter den Toren auf und traten ihm paarmal in den Bauch. Und er lächelte nur wie ein Mädchen, und sagte nichts, und wehrte sich nicht. Mein Bruder war auch dabei. Er erzählte, sie waren schon müde vom Treten, sie wollten ihn ja nicht verprügeln, bloß herausfinden, was für Einer er ist, wie er kämpft und so. Aber er kämpfte überhaupt nicht.
„Bist du dumm?“ – fragte ihn endlich Hazak, der Älteste im Bände meines Bruders. Und Schota antwortete leise und ruhig wie damals am Ufer: „Ja, bin ich“.
Dann ließen sie ihn. Was bringt das schon.

Dazu erzählte der Schäfer, der alte Roe: er ging eines Tages nachschauen, wie es dem Jungen auf dem Hügel so geht. Da sah er, ein Schaf war tot. Und was machte der Junge? Statt den Alten zu holen, saß er da und betrachtete das Tier, als konnte er sich an diesem Bild nicht satt schauen.
Der Alte kann nicht mehr schnell laufen.Während er auf dem Weg zu dem Dümmling war, flog an das Schaf ein Geier heran. Da steht der Dumme auf, so der Alte, geht auf den Geier zu und reicht ihm die Hand.
Der Vogel schaute zu dem Jungen auf und guckte ihn aufmerksam an. „Jag ihn fort, du Blödmann, der beißt dich doch!“- schrie ihm der Alte zu. Schota streckte seine Hand aus nach dem kahlen, eckligen Kopf des Vogels und streichelte ihn zärtlich.

„Nicht umsonst sagt man, die wilden Tiere mögen die Dummen“, - sagte der Alte oft an der Stelle. – Der Geier dachte nicht mal daran, unseren Dümmling zu verletzen. Der Vogel hielt den Kopf so hin, als ob er am Halse gestreichelt werden wollte. Danach senkte er den Kopf und flog weg.

„Bist du dumm?“ – fragte den Jungen außer Atem gekommener Alte.
Es ist nicht schwer zu erraten, wie Schota darauf antwortete.

Die Tiere mochten ihn.
Als unsere Hündin Welpen bekam, waren sie alle grau, wie immer, der Eine aber ganz weiß. Beziehungsweise, die Eine. Und die bekam Schota. Sie wählte ihn selber aus. Sobald sie ihn sah, rannte sie ihm nach auf ihren noch schwachen Pfötchen. Sie folgte ihm dann viele Jahre, half ihm beim Weiden der Schafe. Er nannte sie Lavana - ein einfacher, blöder Name.

Schota wuchs zu einem schönen jungen Mann. Die Mädchen aügelten ihm nach. Das war das Einzige, was er zuließ, alles andere verstand er nicht. Eine schlug ihm vor, sich am Tore zu treffen, um in die Wüste spazierenzugehen. Seine Antwort war nur ein Schulterzucken. „Aber wozu? Ich gehe doch jeden Tag hin mit meiner Herde. Da gibt es nichts Interessantes.“

- Bist du wirklich dumm? – empörte sich das Fräulein. Übrigens, es war die Perah, keine Freundin von mir, aber in meinem Alter.

- Ich bin immer noch ein Dümmling, - sagte er zu ihr. – So werde ich auch genannt.

Die Pferde würden ihn wahrscheinlich auch mögen, bloß mein Vater bäumte sich auf. Die Pferde sind für uns heilig, deshalb passt der Vater selber auf sie auf, und auch ein Stallbursche, namens Parsa.
Aber einmal sah ich, wie Parsa ein Lieblingspferd von meinem Vater rausbrachte. Unser Gaul Schachor ist ziemlich nückisch, muss man sagen. Den Parsa beißt er manchmal auch. Mein Vater ist oft zu sehr beschäftigt, so nimmt Parsa das Pferd an die Leine. Schachor wehrt sich mächtig und schlägt mit den Hufen. Parsa hat Angst davor (deswegen hat er auch seinen Namen verdient).
Eines Tages ging Schota an den beiden vorbei und sprach zu dem Gaul, blöd grinsend: „Du bist ja ein braves Pferdchen!“ Und weiter ging er. Das Pferd stand auf einmal ganz still, guckte verblüfft, versuchte Parsa nicht mehr anzugreifen und ging hinter ihm her im Kreise.

Parsa jagte den Dummen fort, und beschimpfte ihn.

So dauerte es auch, fünf Jahre lang, bis das Wasser hochstieg.

Und wieder wollte ich ans Ufer gehen, nur diesmal um nachzuschauen, ob meine Brüste schon gewachsen sind. Und da ist er wieder. Steht bis zu den Knien im Wasser, als ob die Krokodile Nichts wären, schaut ins Wasser rein und schüttelt den Kopf.
Er zog seine Gewänder hoch, da sah ich, daß seine Beine schon richtig männlich behaart und kräftig sind. Ich spürte, wie in mir heiße Wellen von den Fersen bis tief in den Bauch hochstiegen. Ich wünschte mir, daß er seine Kleider noch höher ziehen würde.
Da wand er sich zu mir hin und sagte bekümmert:

- Das Wasser steigt.

- Was? – fragte ich nach, blickte ihn groß an und wurde rot. Es schien mir auf einmal, er hat alle geheimen Gedanken von meinem Gesicht abgelesen.

- Das Wasser steigt, so ist es. Wir müssen dem Naschich sagen.

- Geh zum Teufel, du dummer Hund, - sagte ich empört. Er hat gar nicht verstanden, woran ich gedacht habe. Er ist echt dumm!
– Da sieht man nichts. Sieh mal, das Wasser ist genau da, wo es war, - ich zeigte auf die Wurzel, an der Stelle, wo sie das Wasser berührten.

Ist es etwa wahr, daß gestern mehr Wurzeln zu sehen waren, als heute? Oder es kommt ihm nur so vor?

- Das Wasser kommt, sage ich dir. Wie du willst, ich gehe hin und sage Bescheid.

Er ging weg.
Ich blieb.

Ich wollte nicht mehr meine Brüste anschauen. Das bringt ja so oder so nichts. Er merkt sie sowieso nicht. Ich setzte mich am Ufer, zog mich zusammen, legte mein Kinn traurig auf die Knien. Da sah ich, dort wo er gerade stand, die dunklen grünen Schatten von den Krokodilen.

Am nächsten Tag war es schon klar zu sehen, daß der Fluss hochgestiegen ist. Alles lief schief: ein Khamsin
kam, der Himmel wurde gelb, auf den Zähnen knirschte Sand. Schota führte seine Schafe nicht in die Wüste, weil sie sich weigerten; er hat die Tiere niemals geschlagen, sie folgten ihm freiwillig, wohin er auch ging.
Diesmal aber drückte sich die Herde in die Ecke und wollte nicht raus. Unser Dümmling drehte sich um und ging ans Ufer. Danach ging er wieder ins Wasser; es gelang ihm diesmal ganz leicht, weil das Wasser die Wurzeln schon bedeckt und mittlererweile die Gräser erreicht hat.
Schota ging ins Wasser, und ich lauerte hinter einem Baum – weiß selber nicht, warum. Entweder weil er noch ein Kind ist, und ich schon eine junge Frau, oder weil er das Gefragte immer falsch versteht.
Und er stand immer noch im Wasser, und aus meinem Versteck sah ich, wie ein Krokodil an ihn heranschwamm, dann noch einer, und der ganze Fluss schien fest, rauh und grün zu werden.
Ich biß mir in den Finger und stellte vor, wie der Fluss gleich rot wird. Das passierte aber nicht.
Er ist wahrhaftig ein Dummkopf, dachte ich, spricht mit den Viechern, als ob sie die Flut rückgängig machen könnten.
Und das konnten sie natürlich ja auch nicht. Das Wasser stieg, und stieg, und stieg, und aus der Wüste kam so ein starker Wind, daß wir uns nicht mehr aus unseren Häusern wagten. Schota ließ sich nicht mehr blicken, bestimmt war er mit dem Beruhigen seiner Schafe beschäftigt. Aus purer Langeweile spindelten wir die ganze Wolle, die im Hause zu finden war. Meine Mutter richtete eine Färberei ein. Sie schuf verschiede Pflanzen an, machte ein großes Feuer, nahm einen großen Kessel und brauste etwas Schwarzes und Schäumendes.

Wir, alle Schwestern, versammelten uns rund um den Kessel, weil wir sowieso nichts zu tun hatten. Das Gemisch, das unsere Mutter gebraust hat, kannten wir nicht. Sie schickte die Älteste, die noch nicht verheiratet war, die Knäule von allerdünnster Wolle zu holen. Danach fing sie an, diese in den Kessel zu legen. Ich sollte das Gebräu umrühren. Als ich einen Knaul auffischte, hat er sich schon schwarzgrau verfärbt. Wozu nimmt sie so eine öde Farbe?
Aber wenn die Mutter sich dafür entschieden hat, hatte es bestimmt einen Zweck. Ich rührte so lange es nötig war, dann nahmen wir die Knäule aus dem Kessel raus und hängten sie rund um das Feuer auf. Die ganze Nacht lang trocknete die Wolle; wir lagen und lauschten, wie von einer Seite des Hauses der Wind stöht, von der anderen – der Fluss. Mir schien es, als ob ich im Gewitter die leutseligen Töne von Schotas Flöte hörte.

Morgen stellten wir fest, daß die Wolle sich grellgrün verfärbt hat. Richtig grün. So was habe ich noch nie im meinem Leben gesehen.

- Wozu braucht man solche Farbe? - fragte ich. - So etwas könnte nur ein Dummer tragen.
- Richtig geraten! - lächelte meine Mutter. - Der hat es auch bestellt.
- Einfach so?
- Der ist doch ganz alleine, wer sollte ihm sonst die Kleidung machen?
- Darf ich das?

Die Mutter schaute mich mit bohrendem Blick an – sie ist ja nicht dumm, sie ahnt doch alles – und erlaubte mir zu weben. Ich selber bereitete den Webstuhl vor, und wir stellten den grellgrünen Stoff her. Ich klaute von meiner Mutter noch einen gelben Garn, mit dem sie die Kleidung meines Vaters bestickt hatte, und flocht ihn in das Gewebe ein.
Noch einen Tag brauchte ich, um ihm ein Hemd zu nähen. Erst als ich fertig war, merkte ich, daß draußen immer noch der Sturm tobte. Ich machte die Tür leicht auf und blieb wie versteinert stehen – das Wasser war gefährlich nah, es überflutete schon die Stadt. Ich bedeckte mich mit einem Tuch, um mich vor dem Wind zu schützen, sprang aus dem Haus, schaute kurz Richtung Wüste. Dort sah es genauso schlimm aus. Der Sandhügel drückte schon auf die Stadtmauer, die kleineren Bausteine purzelten nach unten, die Mauer stand schon schief. Es war ein Wunder, daß sie noch standhielt. Ich schlug die Tür hinter mir zu und lief zu meiner Mutter, um ihr von der Flut zu erzählen und das fertige Hemd zu zeigen. Die Mutter saß auf ihrem Lieblingsteppich, und finstere Gedanken zeigten sich auf ihrem Gesicht.

- Der Vater sagt, wir müssen fort, Chavi. Es gibt aber keinen Ort, wo wir hinkönnen. Wo keine Wüste ist, herrscht das Wasser.

Ich konnte ihr nichts darauf antworten und ging zu Schota, um ihm das Hemd zu geben.
Schota nahm das Hemd, als ob es sich so gehörte. Er zog an der Stelle seine Oberkleidung, dann sein Unterhemd direkt vor meinen Augen aus. Ich wurde rot vor Verlegenheit, aber er schlupfte sofort in das neue grüne Hemd hinein und zog seine Oberkleidung wieder an. Er schien, es eilig zu haben.

- Ein gutes Hemd, - sagte er schließlich. - Als ob es in den Körper den Frühling hineinhaucht.

Plötzlich donnerte es, Lavana bellte ohrenbetäubend, die Schafe blökten. Lärm, Geschrei und Chaos enstanden draußen. Wir rannten aus dem Schafsstall und sahen unsere Mauer runterstürzen. Die Bausteine wurden unter den Sanddünen begraben.
Alle flohen aus ihren Häusern; mein Vater verkündete eine Versammlung auf dem Marktplatz. Wir liefen auch dorthin. Zuvor mussten wir aber den Schafsstall verrigeln, damit die Tiere vor Angst nicht weglaufen - die Mauer war ja nicht mehr da.
Auf der Versammlung sagte der Vater, wir müssen fort, bloß niemand wusste, wohin.
Es gab entweder die Wüste mit dem Fluss oder die steilen Felsen. Man könnte nirgendwo hin, außer an das andere Ufer, wo es Bäume und Gräser gab. Keiner von uns konnte aber über das Wasser gehen.
Man konnte versuchen, die Überschwemmung auf den Dächern abzuwarten. Die Dächer in unserer Stadt sind flach; im Sommer, wenn der Fluss autrocknet, sammelt man das Regenwasser auf den Dächern. Im Frühling ist es schön, drauf zu sitzen und zu beobachten, wie hinter den Mauern die einzelnen Blumen in der Wüste aufgehen.

Da sagte Schota ganz leise:

- Ich kann euch über den Fluss bringen.

Nur ich alleine konnte es hören und wollte erst meinen Ohren nicht glauben. Die Anderen hörten ihn wegen des Getümmels nicht. Dann sagte er lauter:

- Ich kann euch über den Fluss bringen!

Ein Paar Gesichter wandten sich zu ihm, aber unser Dumme wartete wohl, bis der Naschich ihn hörte. Dann richtete sich Schota auf, wie ein Frühlingzweig, und schrie aus aller Kraft:

- ICH KANN EUCH ÜBER DEN FLUSS BRINGEN!

Jetzt haben ihn alle gehört. Vielleicht kriegten sogar manche mit, daß er das zweimal gesagt hat. Man weiss doch, daß das dreifach Gesagte Wahrheit bedeutet. Und keiner fragte ihn wie sonst, ob er dumm sei.
Als wir nach Hause liefen, um das Nötigste zu holen, platschten wir schon über das Wasser. Genauer betrachtet, über den Schlamm. Die Mamas Teppiche taten mir leid. Meine Mutter wollte sich nicht von ihrem Webstuhl verabschieden, aber was konnte man bloß machen; es war unmöglich, ihn mitzunehmen. Sie stopfte unsere Taschen voll mit bunter Wolle, auch wir schnappten alles, was uns unter die Augen kam: Nädel, Fäden, Wollknäule. Das Handwerk ist das Wichtigste, alles andere findet sich später. Der älteste Bruder nahm sogar für die Mama den Kessel mit. Als die Mutter es später rausfand, brach sie vor Glück in Tränen aus.

So versammelten wir uns - am Ufer, wollte ich gerade sagen – aber das Ufer gab es gar nicht mehr, stattdessen nur schlammiges Wasser. Da, wo es bis zu den Knien reichte, stand Schota. Er klopfte sich leicht am Bein mit seiner Flöte. Ein harter gelber Wind wühlte seine flauschigen Haare durch. Was für ein Dümmling, bedeckte nicht mal seine Haare. Jeder Stadtbewohner schleppte eine Tasche mit, darin das Allernötigste; der Maurerer packte seinen Hammer und seinen Meißel ein, der Schmied – seinen Blasebalg, der Kürschner – eine Stapel Pelze. Der alte Roe trieb unsere Schafsherde über das Wasser, Lavana half ihm dabei.

- Krokodile, - flüsterte plötzlich erschreckt die Menschenmenge. - Die Krokodile kommen!

Und tatsächlich, ich sah das schon einmal, aber die Anderen wunderten sich, wie die Krokodile sich um Schota herum versammelten.
Zwei Krokodile hielten sich an den Torpfosten fest, zwieschen ihnen – noch vier, alle die Pfoten untereinander verhackt. Hinter ihnen – die weiteren sechs, die das Gleiche taten.

- Das ist doch eine Brücke! – wunderte sich mein Vater. - Ich sah schon einmal, wie man die Brücken aus Booten gebaut hat. Es ist doch eine Brücke!

Schota nickte bloß und sagte nichts. Er hat auch üblicherweise nicht viel geredet, und jetzt schien er zu hoffen, daß wir selber alles verstehen werden. Aber daß man eine Brücke aus Krokodilen errichten kann, hat sogar der Naschich nicht geahnt.
Die Brücke erreichte mittlerweile das andere Ufer. Schota betrat sie als Erster, als ob sie ein fester Boden wäre. Die Schafe und sein Hund schossen ihm hinterher. Es ist bekannt, daß die Hunde eine Riesenangst vor Krokodilen haben. Statt sich einem Krokodil zu nähern, würden sie sich eher in eine Ecke verstecken, und jedem, der nur versucht, sie darauszuholen, die Finger abbeißen.
Als die Leute sahen, daß die Tiere ihm folgen und keine Angst haben, traten sie samt ihren Schätzen, ihren Kindern und Alten auch auf die schuppigen Rücken. Allen voran ritt mein Vater auf seinem schwarzen Schachor. Die Pferde schienen sich am meisten zu fürchten, aber sie folgten uns trotzdem – das Wasser und der Sand bereiteten ihnen noch größere Angst.
Als Letzter betrat das andere Ufer der alte Roe. Schota schaute sich um, zählte die Leute, winkte mit der Hand, und die Krokodile verschwanden, als ob es sie nicht gerade noch gab.
Unser altes Ufer war schlecht zu sehen. Eigentlich gab es da nichts mehr zu sehen – der Sandhügel veschmolz mit dem Fluss, und da, wo es einst unsere Stadt war, plätscherte jetzt der gelbe Schlamm.

Am neuen Ufer gab es viel Arbeit. Es gab hier Holz, Steine, auch Olivenbäume wuchsen hier, und Salbei, und Rosmarin. Unsere Schafe fütterten sich heraus und wurden fett, und die Leute, umgekehrt, nahmen anfänglich ab. Es ist nicht einfach, eine neue Stadt zu errichten. Die neue Stadt unterschied sich aber von unserer alten Siedlung – die Wüste drückte nicht auf uns, so konnte sich jede Familie ein neues Haus bauen. Für Mama machte man einen neuen Webstuhl, der Schmied bekam eine neue Schmiede, der Pferdewirt baute sich einen guten Pferdestall. Die Stadtmauer war nicht mehr nötig.
Alle waren so sehr beschäftigt, daß keiner merkte, wie der Dümmling verschwand. Auch ich merkte es nicht, obwohl ich dachte, daß ich ihn alleine im Sinn habe.

Und merkwürdigerweise ist es ein sehr schönes Gefühl, an ihn zu denken. Ich sage mir: „Er ist fort. Er hat dich verlassen. Auch früher hat er dich nicht geliebt.“ Diese Worte sind so leer, wie ein augetrockneter Brunnen. Ob er mich wirklich verlassen hat? Hat er mich nicht geliebt? Das verstehe ich nicht. Aber wenn ich mir dann sage „Der Dumme“, spüre ich, wie voll dieses Wort ist - wie ein Fluss, wie Mutter und Vater, wie der endlose Himmel.

Und es fühlt sich gut an.

@темы: Украдено и закопано, l'allemand